Reisebericht Irak 4. - 8.12.2013

Ziele:
1. Verteilung von Hilfsgütern für Kinder im Lager Domiz
2. Hilfen für Christen im Mosul
3. Hilfen für syrische Christen in einem Dorf bei Dohuk
4. Weitere Absprachen, besonders mit dem THW
5. Evaluierung für ein „angedocktes“ Projekt „Sport und Bewegung für Kinder im Camp Domiz“

Teilnehmer:
Sabine Hoffmeister, Dipl.-Psychologin, u.a. Sportpsychologin für Fortuna Düsseldorf
Manuel Michalski, Personal-Trainer, Neuss
Jan Jessen, Leiter Politik der NRZ (Funke-Gruppe)
Shairzid Thomas, Dolmetscher und “Reiseleiter”
Rudi Löffelsend, Diözesanreferent a. D. beim DiCV Essen


Vorbemerkung:

Anlass der Reise war eine Spendenaktion der Funke-Zeitungsgruppe mit ihren neun Titeln, bei der rund 100.000 € zusammengekommen sind. Nach einer Woche intensiver Veröffentlichungen kam die Unwetterkatastrophe auf den Philippinen und damit das Ende der Spenden für syrische Flüchtlinge. Mit dieser Summe konnten wir aber agieren.

Wir kamen gerade rechtzeitig, weil in den darauf folgenden Tagen ein starker früher Wintereinbruch erfolgte, der die Menschen und die Verantwortlichen vor große Herausforderungen stellt.
Weiter haben wir den Bischof von Mosul soll besucht (siehe weiteren Bericht), um ihm 8 Millionen irakische Dinar für die letzten Christen im Mosul soll zu überlassen. Wir besuchten auch ein kleines Dorf, ca. 40 km nordöstlich von Dohuk, in dem 20 syrische Flüchtlingsfamilien Unterschlupf gefunden haben, die seit zehn Monaten von der Bevölkerung des Dorfes versorgt werden.

Darüber hinaus führten wir Gespräche mit verschiedenen Regierungsstellen, dem deutschen Generalkonsul und dem derzeitigen Leiter des deutschen technischen Hilfswerks (THW) zu Fragen der Zusammenarbeit.


Zu 1: Verteilung von Hilfsgütern im Lager Domiz

Am 7. Dezember waren wir schon früh im Camp Domiz, um die Situation vor Ort zu erkunden, mit dem neuen Campchef zu sprechen und für die kurdische Presse zur Verfügung zu stehen.
Die Temperaturen lagen bei knapp über 0°. Durch mehrere Regenfälle in den Tagen davor hatten sich die Wege und Straßen im Camp in zähen Schlamm verwandelt. Nach wie vor macht das Lager einen sehr lebendigen Eindruck, es entstehen immer mehr feste Gebäude in Eigenarbeit der Flüchtlinge und die Einfallsstraße ähnelt immer mehr einem Basar. Viele Menschen jedoch sind ohne ausreichende Winterbekleidung, tragen Badelatschen und keine Strümpfe.
Wir wurden von dem neuen Campchef Endrees Salith und seinen Mitarbeitern sehr freundlich begrüßt und kurz über die Situation und die aktuellen Zahlen informiert.
Es gibt keine Neuaufnahmen; die Zahl der Bewohner liegt bei ca. 60.000 Menschen. Insgesamt sind jedoch 120.000 Menschen registriert. Der andere Teil hat inzwischen Unterkünfte und zum Teil auch Arbeit, vor allen Dingen in Dohuk, gefunden. Auch von den im Lager lebenden Menschen arbeitet ein kleiner Anteil in Dohuk.
Die Furcht vor einem frühen und harten Wintereinbruch spielte bei den Gesprächen eine Rolle (eine Befürchtung, die sich in den darauf folgenden Tagen bewahrheiten sollte), denn hierfür ist die Ausrüstung des Camps nicht längerfristig angelegt. Ansonsten befürchtet die Campleitung, dass dieses Camp noch längerfristig bestehen wird, denn ein Ende des furchtbaren Bürgerkrieges ist nicht absehbar. Insgesamt seien aber aus der Provinz Dohuk von Mitte 2012 bis zum jetzigen Zeitpunkt rund 20.000 Flüchtlinge auf eigene Faust zurückgekehrt.

Es gibt im Lager drei Schulen, eine Grundschule mit 770 Kindern und zwei Schulen von den Klassen sechs bis neun mit ca. 2000 Kindern. Zudem werden Kinder aus dem Lager inzwischen auch an Schulen in Dohuk unterrichtet. Umgekehrt gehen auch einige Flüchtlingskinder aus Dohuk wegen der arabischen Sprache in die Campschulen. Zu diesem Zweck wurde ein Schulbusverkehr eingerichtet. Nach wie vor gibt es keinen Kindergarten, denn dafür fehlt zurzeit das Geld.

Durch die Verteilung von Feuerlöschern und eine intensive Schulung im Umgang mit den gefährlichen Kerosinkochern hat es in diesem Jahr fast keine Brände gegeben. Die Versorgung mit dem Notwendigsten ist gewährleistet, die Situation bei der Kälte aber für die Flüchtlinge sehr belastend.

Herr Salih, der in den neunziger Jahren für die Caritas Schweiz im Irak arbeitete, bedankte sich sehr für unsere Hilfe, insbesondere auch deshalb, weil wir von Anbeginn des Camps an dort immer wieder tätig waren.
Während unseres Gespräches kamen dann auf einmal neun Fernsehteams und andere Journalisten ins Büro. Wir veranstalteten dann eine improvisierte Pressekonferenz vor den Bürocontainern, um mehr Platz zu haben. Mit einem solchen öffentlichen Interesse hatten wir nicht gerechnet.
Da die ersten LKWs kamen, konnten wir mit den Journalisten zum Campeingang gehen und dort weitermachen. Wir hatten für die LKWs noch kurzfristig Transparente anfertigen lassen, um die Spender deutlich zu machen. Dies wurde als sehr gut empfunden, vor allen Dingen, da es verdeutlicht, dass auch die Menschen in Deutschland die syrischen Flüchtlinge im Nordirak nicht vergessen haben, betonte Herr Sani.

Alle Hilfsgüter wurden im Lande besorgt, was diesmal wegen der großen Mengen, einige Anstrengungen kostete.
Der Schwerpunkt der Hilfsgüter lag auf:
- winterfeste Jacken für Jungen und Mädchen
- winterfeste Schuhe und Strümpfe
- Windeln und
- Waschpulver.
Dies ergab rund 40 Tonnen insgesamt, verteilt auf vier Lastwagen, die nach einem kurzen Fotoaufenthalt im Camp Domiz dann in das Zentrallager der Regional-Regierung gebracht wurden. Die Verteilung obliegt der Campleitung; alles andere hätte im Chaos geendet.

Anschließend besuchten wir die so genannte Grundschule, die in zehn Containern mit einem kleinen Innenhof für 20 Klassen im Schichtbetrieb errichtet wurde. Nach einem Gespräch über die Situation der Kinder mit dem Schulleiter konnten wir noch 30 Fußbälle übergeben sowie Einsatztrikots von Borussia Mönchengladbach, die die neuen Inhaber mit Stolz erfüllten.
Von den rund 77 Schülern sind ca. 30 Kinder elternlos, da Vater und Mutter im Bürgerkrieg gestorben sind. Für traumatisierte Kinder gibt es besondere Angebote. Die Schulkinder kamen in Schuluniformen, die eine japanische Organisation gespendet hat. Einige besaßen Stiefel, viele kamen aber in Strandlatschen, der üblichen Fußbekleidung für den Sommer. Sportunterricht gibt es nur theoretisch, dafür aber einen eigenen Sportlehrer.


2. Besuch des chaldäischen Erzbischofs von Mosul, Amel Nona

Auf der Hinfahrt nach Dohuk haben wir die Route über die unsichere Ninive-Ebene gewählt, da wir dort in der Kleinstadt Telkef den chaldäischen Erzbischof von Mosul, Amel Nona, besuchen wollten. Er war an diesem Tag dort, da er für die Gläubigen seiner Diözese eine große Veranstaltung für die Familienkatechese durchführte. In der Pfarrkirche, der größten Kirche des Iraks, beendete er bei unserer Ankunft gerade den Vortragsteil und konnte uns noch begrüßen. Anschließend gab es im Innenhof ein gut organisiertes Mittagsmahl für alle Teilnehmer (und uns). Danach konnten wir uns zurückziehen und etwas intensiver mit ihm sprechen. Die Situation in Mosul ist nach wie vor für Christen sehr ernst, weil dort radikale islamische Gruppierungen die Stadt fast komplett beherrschen. Von ehemals 30.000 Christen sind nur noch maximal 2000 dort vor Ort. Der Rest ist geflüchtet.

Wir konnten ihm 8 Millionen irakische Dinar übergeben, damit er zu Weihnachten die ärmsten Familien ein wenig beschenken kann. Bischof Nona möchte nach wie vor eine kleine interkonfessionelle Schule errichten, als deutliches Zeichen gegen die komplette radikale Islamisierung der Stadt. Er übergab uns die entsprechenden Unterlagen, mit der Bitte dies kirchlichen Hilfswerken in Deutschland zuzuleiten.
Seine Überlegungen für die Zukunft, waren realistisch und nicht sehr optimistisch, aber vom Glauben geprägt.

Wir versicherten ihm, dass wir uns weiter bemühen werden, ihn nach Kräften zu unterstützen.


3. Hilfe für syrische Christen in einem kurdischen Dorf bei Dohuk

Über einen geflüchteten irakischen Christen, der jetzt in Nürnberg lebt, bekamen wir den Hinweis auf eine Gruppe von 20 syrischen Flüchtlingsfamilien, die alle Christen sind und in einem Bergdorf nordöstlich von Dohuk Zuflucht gefunden haben. Leider konnten wir dieses Dorfes erst nach unserem Aufenthalt im Camp Domiz gegen Abend besuchen, so dass wir es erst einmal längere Zeit suchen mussten und zunächst nicht viel davon sehen konnten.
Der Vorsteher der katholischen Gemeinde lotste uns von der Hauptstraße zum Dorf und brachte uns zu dem kleinen Gemeindesaal. Dort warteten die 20 Familienoberhäupter, alles Männer, schon auf uns. Die Schilderungen über ihre Flucht und das Ausmaß dessen, was einzelne erlitten haben, will ich hier aussparen, es wird in der NRZ nach Weihnachten zu lesen sein.
Das Bewundernswerte an der Situation wie wir sie vorfanden ist für mich aber die Selbstverständlichkeit, mit der die kurdischen Dorfbewohner seit zehn Monaten diese rund 100 Flüchtlinge mit allem was notwendig ist versorgen. Neben der Verpflegung haben auch alle eine Unterkunft gefunden und fühlen sich so nicht allein gelassen. Einige haben Arbeit als Tagelöhner oder Hilfskräfte in Dohuk gefunden, andere suchen noch danach. Wir konnten jeder Familie rund 400.000 irakische Dinar, also und 300 $, als Hilfe dalassen. Dies war die erste finanzielle Hilfe, die sie bisher erhalten haben, und der erste Hinweis darauf, dass sie das Ausland sie nicht vergessen hat.


4. Weitere Absprachen, besonders mit dem THW

Gespräch mit dem deutschen Generalkonsul in Erbil, Herrn Alfred Simms-Protz:
Zur guten Tradition gehört es, dass wir uns beim deutschen Generalkonsul melden und uns austauschen. So auch dieses Mal. In einem fast eineinhalbstündigen Gespräch erörterten wir die Situation der autonomen Region Kurdistan generell und auch die Lage der syrischen Flüchtlinge. Dieses Gespräch verlief in einer vertrauensvollen und offenen Atmosphäre. Herr Simms Protz ist sehr dankbar, dass das THW inzwischen vor Ort ist und konkrete Hilfen vor allen Dingen für das Lager Domiz aktiv vorbereitet. Zukünftig sollen Hilfen der deutschen Bundesregierung auch unmittelbar an die kurdische Regionalregierung erfolgen, die Träger der Flüchtlingscamps ist, und nicht über den etwas längeren Umweg der UN Organisationen. Diese sind zwar lebenswichtig für diese Hilfen und verfügen über eine große Erfahrung, benötigen aber oft mehr Zeit.
Nach wie vor ist für einheimische Organisationen, auch die Kirchen, die Möglichkeit gegeben, unmittelbar über das Generalkonsulat Kleinstprojekte finanziert zu bekommen. Dies gilt allerdings nur für den Verwaltungsbereich des Generalkonsulats, also nur für die autonome Region Kurdistan.

Gespräch mit dem Leiter der Einsatzgruppe des deutschen Technischen Hilfswerks, Jörg Eger, der noch bis Weihnachten vor Ort sein wird. Herr Eger besuchte uns im Hotel, weil ihre Basis sich dort befindet.
Er berichtete sehr intensiv und anschaulich über die Pläne des THW, die sich im großen Camp Domiz auf die Entwässerung und die nachhaltige Verbesserung der Wege und Straßen im Camp konzentrieren. Die vorgefundene Situation sei alles andere als zufriedenstellend, es gibt konkrete Pläne zur Verbesserung der Abwassersituation, um der Gefahr von Seuchen entgegenzuwirken.

Ebenso werden die Versorgungswege für Frischwasser, Müllabfuhr etc. asphaltiert werden, um diese lebensnotwendigen Bereiche sicherzustellen.

Das THW macht die Planungen in Abstimmung mit der Campleitung und vergibt dann Aufträge an einheimische Firmen. Ihr obliegt die Bauüberwachung.

Wir baten Herrn Eger, bei der Realisierung unseres Sonderprojektes, den Bau eines Bolzplatzes und eines Spielplatzes zu unterstützen, zu helfen und stießen nicht auf taube Ohren. Bei der Freigabe eines Geländes, das dafür geeignet ist, seitens der Campleitung und entsprechender Planung wird das THW Hilfe leisten können. Wir werden in Kontakt bleiben, auch mit seinem Nachfolger.


5. Sonderprojekt „Sport und Bewegung für Kinder im Camp Domiz“

Mehr durch eine beiläufige Bemerkung meinerseits erfuhr Manuel Michalski, der eine Firma für Personal-Training führt, von der Situation in den Flüchtlingscamps im Nordirak. Das hat ihn nicht mehr losgelassen und er entwickelte in kurzer Zeit eine Idee, um ein Projekt zu realisieren, welches es Kindern ermöglicht, sich sowohl im Mannschaftssport aber besonders im Fußball zu betätigen. Zudem beinhaltet das Projekt die Errichtung eines Spielplatzes mit Spielgeräten für kleinere Kinder. Er hat dann im Großraum Düsseldorf/Neuss die Werbetrommel, vor allen Dingen bei seinen Kunden, gerührt, um hier Hilfen zu generieren.

Herr Michalski und die Sportpsychologin von Fortuna Düsseldorf begleiteten uns auf dieser Reise. Beide werden sich jetzt bemühen, weitere Sponsoren zu finden, um diese Idee realisieren können. Darüber hinaus wurden rund 600 Fußballvereine angeschrieben, die Trikotsätze spenden sollen. Bisher konnten wir bereits Fußbälle und einen Trikotsatz von Borussia Mönchengladbach mitnehmen.

Wir haben diese Idee ausführlich mit dem Campchef erörtert, ebenso mit dem Missionschef des THW, die beide dem Projekt positiv gegenüberstehen. Der Bruder unseres Dolmetschers, der Bauunternehmer ist und derzeit in Dohuk baut, will einen seiner Bauleiter zur Verfügung stellen, wenn es akut wird.

Dies ist meiner Meinung nach ein schönes Beispiel einer sinnvollen Einzelinitiative.


Schlussbemerkung:

Die Ereignisse haben uns inzwischen eingeholt: drei Tage nach unserem Rückflug hat ein sehr massiver Wintereinbruch diese Region ereilt und die Notwendigkeit unserer Hilfen noch einmal deutlich aufgezeigt. Wie es nun weitergeht werden wir kurzfristig entscheiden, weil dies natürlich auch von den zur Verfügung stehenden finanziellen Mittel abhängt.

Essen, den 16.12.2013

Rudi Löffelsend