Reisebericht: Irak-Reise 07.–13.10.2013

Ziel:
1. Vorbereitung der Spendenaktion in den Zeitungen der Funke-Gruppe
2. Zweiter Teil der Sofortaktion für Babys und Kleinkinder in den Camps mit Mitteln der Deichmann-Stiftung
3. Gespräch mit den Leitern der neuen Camps in den Provinzen Erbil und Syülemani
4. Besichtigung zweier Camps und des Camps Domiz

Teilnehmer:
1. Jan Jessen. Politikchef NRZ
2. Sergiu Miron, Caritas Rumänien, wg. evt. Rekrutierung arabisch sprechender Psychologen aus Rumänien
3. Shairzid Thomas, Dolmetscher
4. Rudi Löffelsend, Ehrenamtlicher, Caritas Essen


Zu den Bereichen:

1. Geplante Spendenaktion:

Auf Initiative von Jan Jessen, Politikchef der NRZ, wird die Funke-Mediengruppe mit ihren 9 Zeitungstiteln mit einer Gesamtauflage von ca. 1,5 Millionen Exemplaren Ende Oktober/Anfang November über die Caritas im Ruhrbistum eine Spendenaktion starten, um mit den eingewobenen Geldern Hilfen vor Ort in der Autonomen Region Kurdistan in den Flüchtlingscamps für die syrischen Flüchtlinge zu ermöglichen.
Deshalb auch diese Reise, um möglichst zeitnahe Eindrücke über die Situation zu sammeln. Dazu war es nötig, unmittelbare Eindrücke in einigen Camps zu bekommen, aber auch Gespräche mit unserem Partner vor Ort, der Barsani Charity Fondation (BCF), einer Nichtregierungsorganisationen, die mit Unterstützung der Regierung in allen Camps präsent ist und auch Aufgaben der UN-Organisationen mit übernimmt. Wir hatten diese Organisationen bei unserer letzten Reise (im September) in den besuchten Camps kennengelernt und einen guten Eindruck. Da die sowieso kaum existierende lokale Caritas nirgendwo präsent ist, haben wir auf diese Organisation zurückgegriffen.
Neben den hauptamtlichen Campleitungen sind viele Ehrenamtliche dort engagiert bei der Sache. Die Direktion dieser NGO hatte darum gebeten, bei diesem Besuch die Campleitungen “zu schulen“, was ich aber abgelehnt habe, da die Camps im Vergleich zu allen anderen bisher erlebten Flüchtlings-Lagern in anderen Ländern ein hervorragenden Eindruck machen. Stattdessen wollte ich ein Gespräch mit den Campleitern, auch, um sie zu bestärken, aber auch um zielgerichtet zu erfahren, was für den kommenden Winter dringend benötigt wird. Beim Gespräch waren die Campleiter folgender Camps anwesend:
1. Baherke
2. Khoshtappa
3. Arbat (bei Syülemani)
4. Baerima (bei Shaqlawa)
5. Akne
6. Keverguesh
7. Berderesh
8. Bazian (bei Sulemani)
9. Berde gazaman (bei Sulemani)
10. Dare shakran
11. Kesrut

(Alle Camps sind erst ab Mitte August eingerichtet worden und umfassen 3.000 bis 15.000 Flüchtlinge)
Hinzu kommt das erste und größte Camp Domiz bei Dohuk mit ca. 70.000 Bewohnern.
Als ich im vergangenen Jahr im Juli im Flüchtlingslager Domiz war, lebten hier gerade einmal 6.500 Bürgerkriegsflüchtlinge aus Syrien. Heute sind es allein in Domiz 70.000. In der ganzen kurdischen Region im Nordirak sind aktuell 235.000 Flüchtlinge gestrandet.


Hier einige Auszüge aus dem Bericht von Jan Jessen:

Allein seit August sind knapp 100.000 neue Flüchtlinge in den Nordirak gekommen, weil die Kurdengebiete derzeit massiv von islamitischen Rebellengruppen attackiert werden. Mittlerweile gibt es ein gutes Dutzend Camps. Domiz ist das Größte. Die Menschen leben hier in Zelten, provisorischen Steinhäusern, Baracken. Was will man anderes erwarten, wenn innerhalb eines Jahres eine Stadt aus dem Boden wächst?
Trotz des enormen Ansturms haben es die Kurden ganz gut hinbekommen, die Unterbringung der Flüchtlinge zu organisieren. Die Lager sind gut befestigt, die Versorgung mit Lebensmitteln funktioniert ganz gut. Die Bevölkerung hat die Neuankömmlinge mit offenen Armen aufgenommen. Sie war es, die die Flüchtlinge anfangs versorgt hat.
Obwohl die Camp-Organisation gut ist, geht die Regionalverwaltung allmählich in die Knie. 235.000 Flüchtlinge bei 4 Millionen Einwohnern - das wäre so, als müsste Deutschland innerhalb von einem Jahr 5 Millionen Flüchtlinge aufnehmen. Deswegen mangelt es an Vielem. Babynahrung, zum Beispiel. Oder an Winterklamotten für die Kinder. In den kommenden Monaten werden die Temperaturen mächtig in den Keller gehen. Im Sommer wird es in der Region bis zu 50 Grad heiß. Im Winter sacken die Temperaturen unter den Gefrierpunkt. "Die Menschen haben große Angst vor dem Winter", hat mir Henrike erzählt, eine deutsche Psychologin, die für Ärzte ohne Grenzen in Domiz arbeitet. — Das ist übrigens auch so ein Problem:
Die Lager in Kurdistan werden nur von wenigen internationalen Hilfsorganisationen unterstützt. Die UNO ist mit allen üblichen Organisationen (UNHCR,UNDP, FAO,UNICEF) an Bord, dazu eben noch die Ärzte ohne Grenzen und ein paar kleinere Organisationen aus Norwegen und Dänemark. Im Gegensatz dazu sind in Jordanien 500, im Libanon sogar um die 1000 internationale Hilfsorganisationen am Start. Die Kurden werden mehr oder weniger allein gelassen. Deswegen ist es wichtig, dass sie Unterstützung bekommen.
Im Camp erzählen viele Menschen ihre Geschichten. Ich habe ein paar aufgeschrieben. Ob sie wahr sind, konnte ich natürlich nur ansatzweise überprüfen. Sie sind aber allesamt bewegend gewesen:
Zenab Mahmoud: Sie ist 53 und stammt aus einem kleinen Kaff bei Afrin nordöstlich von Aleppo. Im Juli vergangenen Jahres ist ihr Haus von Regimeanhängern überfallen worden. Ihr Mann Hannan und ihr ältester Sohn Abdu wurden bei der Aktion getötet. Ihr Sohn Nuri ergab sich. Zwei Tage später durfte sie seine Leiche aus dem Krankenhaus holen. Sie hatten ihm die Nase abgeschnitten, die Zähne ausgeschlagen, die Augen herausgerissen, seine Hände und Arme gebrochen, ihn verbrannt und ihm einen eisernen Spieß durch den Schädel getrieben. Das Haus ihrer eigentlich wohlhabenden Familie wurde zerstört, ihr Eigentum gestohlen. Nach einer langen Odyssee ist Zenab im Januar in Domiz angekommen. Hier lebt sie jetzt mit zwei Söhnen und fünf Töchtern.

Abdullah Kalisharo: Er ist 27 und stammt aus Aleppo. Dort hat er studiert. Er wollte Übersetzer werden. Abdullah war ein Jahr und neun Monate bei der syrischen Armee. Im Krieg hat er in der Region Dara'a gekämpft, dort, wo der Aufstand gegen Assad begann. Später hat er die Jungs von der Freien Syrischen Armee mit Infos über Truppenbewegungen und geplante Operationen versorgt. Irgendwann haben ihm FSA-Leute gesagt, dass sie ihm eine Pistole mit Schalldämpfer besorgen würden. Damit sollte er seine Kameraden und seinen Offizier erschießen. Dann sollte er die Waffenkammer plündern. Dafür wollten sie ihn aus dem Land nach Jordanien bringen. Abdullah hat abgelehnt und seinem Offizier stattdessen 250 Dollar gegeben. Der hat ihm dafür zehn Tage Urlaub gegeben. Abdullah hat die Zeit sinnvoll genutzt: Er hat einem Schlepper 1000 Dollar dafür gezahlt, ihn in den Irak zu bringen. Seit Juni vergangenen Jahres lebt er in Domiz und arbeitet jetzt dort als Helfer. Seine Familie lebt noch in Syrien. Ab und an telefoniert er mit ihnen. "Es ist zum Glück noch niemand von ihnen gestorben". —
Suhalla Jamil Hasso: ihr Mann Shalal Nawaf Mahmoud und zwei ihrer insgesamt sechs Kinder. Die Familie stammt aus Damaskus. Shalal hat dort in einer Bäckerei gearbeitet. Bei einem Bombenangriff wurde das Haus ihrer Nachbarn getroffen. Dabei wurde ihre Tochter Karwin schwer am Bein verletzt. Suhalla hat sie erst heimlich behandeln lassen, über drei Monate lang. In eine Klinik konnte sie nicht gehen, weil jeder, der verletzt in ein Krankenhaus eingeliefert wird, verdächtigt wird, an Gefechten teilgenommen zu haben. Im August vergangenen Jahres sind sie dann nach Qamishli geflohen, eine kurdische Stadt an der Grenze zur Türkei. Einen Monat später haben sie sich dann in den Irak durchgeschlagen. Die Tochter muss noch immer behandelt werden, die Familie hat deswegen 4200 Dollar Schulden. Eine gigantische Menge Geld für jemanden, der gar nichts mehr hat. Der letzte Winter war schrecklich, hat mir Suhalla erzählt: "Es hat geregnet, es hat geschneit. Wir hatten zu wenig Bettdecken und keine Heizsysteme. Es gab nichts, mit dem wir uns hätten aufwärmen können.“

Alle Hilfsgüter sollen vor Ort beschafft werden, was möglich ist – grundsätzlich in Deutschland keine Annahme von Einzelsachspenden, dies würde uns logistisch überfordern und die Transportkosten wären zu hoch.

Ausnahme: Große Spenden von Firmen, z.B. Fa. Hipp – Baby-Nahrung.

Hier wird dann ein LKW mit anderen großen Sachspenden vor Weihnachten geschickt.

Nachdem wir in diesem Jahr rund 200.000 € alleine von der Deichmann Stiftung bekommen haben und überwiegend in Hilfen für die Flüchtlingslager „investiert“ haben, wird die Funke Mediengruppe in Essen ab Ende Oktober einen Spendenaufruf in ihren neun Tageszeitungen veröffentlichen und auf ihrem Internetportal „derwesten“ ebenfalls begleitend auf diese Aktion aufmerksam machen, sowie den Spendenstand und die Verwendung aktuell vermelden.

Unser Partner vor Ort: die “Barsani Charity Fondation (BCF)“, eine einheimische, schon lange bestehende, Nichtregierungsorganisation, die vom Präsidenten der Autonomen Region Kurdistan gegründet wurde und sich bislang überwiegend um Waisenkinder gekümmert hat. Sie ist in allen Camps inzwischen führend tätig. Nach dem Besuch von fünf kleinen Camps und einem langen Besuch im Camp Domiz sowie mehreren Gesprächen mit der Leitung dieser NGO sind wir zur Auffassung gelangt, dass wir mit dieser Organisation diese Aktion durchführen können. Die Caritas ist in der autonomen Region Kurdistan quasi nicht präsent, da keine der katholischen Diözesen eine organisierte Caritas hat. Deshalb – und vor allem nach einem intensiven Gespräch mit zwölf Campleitern – wollen wir diese Aktion mit der BCF durchführen.
Was wird am dringendsten benötigt?
Die Informationen vor Ort, das Gespräch mit den zwölf Leitern und ein abschließendes Gespräch mit dem Gouverneur von Erbil lassen folgende notwendige Beschaffungen erkennen:
- Winterbekleidung
- Winterschuhe, besonders für Kinder
- Schulmaterialien
- Gasheizungen
- Gaskocher
- Babynahrung jeder Art
- Proteinkekse
- Hygieneartikel für Säuglinge und Kleinkinder
- Waschpulver

Hinzu kommt der Wunsch, dass in einigen Dauer-Camps Spielflächen eingerichtet werden können und entsprechende Geräte dort installiert werden. Ebenso soll da, wo es eben möglich ist, auch ein Bolzplatz eingerichtet werden. Dazu werden entsprechende Geräte und Bälle etc. benötigt. Im Camp Domiz gab es Seiten der BCF den Wunsch, in in der Nähe des Camps befindlichen vorhandenen Räumlichkeiten so etwas wie Werkstätten einzurichten, um vor allen Dingen jungen Männern Grundkenntnisse im Baubereich beizubringen, insbesondere im Trockenbau-Bereich, da hier in Kurdistan ein großer Bedarf bestehen würde und die Flüchtlinge Arbeit aufnehmen dürfen und sich frei bewegen können in der Region.




Zusammenfassung des Gesprächs mit den Campleitern

Insgesamt wird die Zusammenarbeit mit den Vertretern der verschiedenen UN-Organisationen ((UNHCR,UNDP, FAO,UNICEF) als gut beschrieben, aber oft als zu langsam - hohe Kompetenz wird bescheinigt, aber oft als zu bürokratisch empfunden. Besonders bei der Startphase der neuen Camps im August 2013, als es große Mengen Menschen unterzubringen galt. Diese ist in vielen Camps nicht durchgehend da, sondern nur sporadisch. In einigen Camps existieren Schwierigkeiten bei der Errichtung von „Kulturzelten“, in denen sich die Flüchtlinge treffen können und wo es Angebote für sie gibt.

Von ausländischen NGOs wird berichtet: Wenige - und sie kommen, schauen, gehen und werden nicht mehr gesehen.

Teilweise als problematisch wird gesehen, dass die Gouverneure oftmals die Bürgermeister der nächstliegenden Orta als Campchefs seitens der Regierung einsetzen würden. Sie wären auch nur sporadisch da und verzögern dadurch oft Entscheidungen.

Viele Sorgen um die Lage im kommenden Winter, da viele Zelte nicht regen- und winterfest sind. Warten auf die Umsetzung der Bewohner in das große Lager in der Provinz Erbil, das besser ausgestattet ist.


Gespräch mit dem Gouverneur von Erbil:

Bestätigung der Informationen der Campchefs, Dank für unsere Arbeit, die er seit Jahren verfolgt, Bericht über den großen Aufwand bei der Flüchtlingswelle im August, wo alle Mitarbeiter eine Woche voll im Einsatz waren, er selbst auch.
Bericht, dass die Regierung die ölfördernden Firmen in der Region verpflichtet hat, 50.000.000.- Dollar zu zahlen für die Flüchtlingshilfe. Es fehlt an festen Unterkünften, Gebäuden zur Unterbringung. Vor dem Winter sollen bis auf vier Camps die anderen überführt werden. Ebenso fehlen mobile Kliniken für die Camps, hier braucht er dringend Hilfe aus dem Ausland.


Verteilung der neuen Spende von Deichmann:

Die Deichmann-Stiftung hatte in der Woche vor der Reise kurzfristig auf unser Bitten hin noch einmal 50.000 Euro zur Verfügung gestellt. In dieser Woche war der 87. Geburtstag von Herrn Dr. Deichmann und das 100-jährige Firmenjubiläum. Das Geld wurde bar mitgenommen und vor Ort getauscht, was günstig war wegen des guten Euro-Kurses zum Dollar.
Wir konnten vor Ort die Hilfsgüter aussuchen und zusammenstellen lassen. Besonders bei den Schulmaterialien halfen mehrere Geschäftsleute mit ihren Mitarbeitern beim Zusammenstellen. Ein Geschäftsmann hat noch kostenfrei weitere Waren dazu gegeben. Die Sachen wurden über das Zentrallager der BCF unmittelbar an einige Camps geliefert.


Grober Zeitplan:

Montag, 07.10.13:

09.00 Fahrt zum Flughafen Frankfurt
14.30 Abflug mit Iraq-Airlines nach Erbil
20.00 Ankunft Flughafen Erbil


Dienstag, 08.10.13:

10.00 Vorgespräch mit neuem Partner BCF (lokale NGO)
12.00 Gespräch mit Regierungsvertretern über Sicherheitslage
14.00 Sondierungsgespräche mit lokalen Verkäufern
19.30 Treffen mit Shwan Thahi, Mitglied des irakischen Parlamentes u.a.


Mittwoch, 09.10.13:

10.00 Treffen in der Zentrale der BCF, Treffen mit 12 Camp-Chefs der neuen Camps in den Provinzen Erbil und Syülemani
14.30 Treffen mit dem Regierungssprecher der Regionalregierung, anschl. zum Innenministerium wg. Genehmigungen
16.00 Abnahme der Zusammenstellung der Hilfsgüter, die vor Ort beschafft wurden


Donnerstag, 10.10.13:

10.00 Fahrt zum Camp Baerima bei Shaqlawa, ausführliche Besichtigung
16.30 Rückfahrt
20.00 Treffen mit Verkäufern wg. Transport


Freitag, 11.10.13:

11.00 Besuch des Deutschen Hofes mit Mitarbeitern deutscher Firmen im Irak
13.00 Fahrt nach Dohuk (viele Kontrollen)
18.00 Ankunft Hotel
18.30 Treffen mit deutscher Psychologin von „Ärzte ohne Grenzen“ im Hotel


Samstag, 12.10.13:

09.00 Treffen mit Leiterin im Frauenhaus Dohuk, weitere Absprachen
10.30 Fahrt zum Groß-Camp Domiz, Treffen mit Campleitung und Administratoren, „Besichtigung“, Interviews mit Flüchtlingen und Verantwortlichen
15.30 Abfahrt, Fahrt über die „Nordstrecke“ nach Shaqlawa
1930 Ankunft, Essen, Übernachtung


Sonntag, 13.10.13:

09.00 Abfahrt Shaqlawa, lange Kontrollen auf der Strecke
11.00 (verspätetes) Eintreffen im Gouverneurs-Palast, Gespräch mit dem G. von Erbil
11.30 Fahrt zum Flughafen, Einshecken
14.30 Abflug
18.30 Ankunft in Düsseldorf, Fahrt nach Essen

Essen, den 16.10.2013

Rudi Löffelsend
Diözesenreferent a.D.